Stets auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Newsletter
ARBEITSSCHUTZuptodate!
Zunächst muss der Auftrag klar formuliert sein, d.h. die Methode der fokussierten teilnehmenden Beobachtung muss explizit benannt werden.
Für einen Arbeitsbereich mit – Früh-, Spät- und Nachtschicht insgesamt umfassenden – ca. 10 bis 20 Arbeitspersonen sind 4–5 Beobachtungstage und noch einmal so viele Tage für Vorbereitungs-
und Auswertungsarbeiten einzuplanen. Eine entsprechende Vereinbarung, einschließlich des Stunden- oder Tagessatzes, muss zumindest per Mailkontakt dokumentiert sein. In der Regel kommt der Auftrag, oftmals aufgrund eines Einigungsstellenbeschlusses, von der Personalleitung.
Es ist darauf zu achten, dass der Betriebsrat vollständig eingebunden ist. Unabdingbar ist die Zusicherung aller Beteiligten, dass der/die Arbeitswissenschaftler/in freien Zugang zu allen Arbeitsorten und möglichst allen Arbeitssituationen hat. Der/die Arbeitswissenschaftler/in muss sich auf das zu beobachtende Feld angemessen vorbereiten. Dies bedeutet, sich aus der Fachliteratur mit den wichtigsten Arbeitsschritten und deren Benennungen verstehend vertraut zu machen. Zur Vorbereitung gehört auch, sich einen genauen Überblick über die Abteilung bzw. den zu untersuchenden Bereich hinsichtlich Personal Soll, Personal Ist, Schichtbesetzung an den vorgesehenen Untersuchungstagen sowie allen schon im Arbeitsbereich zuvor gemachten Befragungen, Aktionen usw. kundig zu machen bzw. die dazu vorhandenen Unterlagen zu studieren. In den zu untersuchenden Abteilungen müssen die Arbeitspersonen auf das Kommen der arbeitswissenschaftlichen Untersuchungsperson vorbereitet und eingestellt, d.h. prinzipiell „informiert einverstanden“ sein. Die Beobachtung ist keine verdeckte, sondern eine offene und für alle transparente. Zu betonen ist: Beobachtung und Interviewaussagen bleiben hinsichtlich der konkreten Person anonym.
Für die hier in Rede stehende Problemstellung bedeutet Teilnahme, dass der/die Arbeitswissenschaftler/in sich im Feld frei bewegen, sich von Fall zu Fall an bestimmte Arbeitspersonen „anheften“ und bei anliegenden Arbeitsschritten interessiert anwesend und zuweilen auch helfend („Bett schieben“) eingreifen kann. Der/die Arbeitswissenschaftler/in bewegt sich im Feld mit einer angepassten Arbeitskleidung, z.B. grauer oder weißer Kittel, und den erforderlichen persönlichen Schutzausrüstungen. Es ist wichtig, in allen Schichten – z.B. Früh-, Spät- und Nachtschicht – „mitzulaufen“ und alle Übergaben vollständig „mitzubekommen“.
Die Beobachtungen müssen mit situativen Beobachtungsinterviews verknüpft werden. Diese Verknüpfung ist aus mehreren Gründen unverzichtbar: Zum einen erhellen sich bestimmte Beobachtungen erst durch eine Erläuterung des/der Beobachteten – allein schon wegen des fachlichen Laienstatus’ des/der Beobachtenden. Zum anderen gilt: Nicht alle relevanten Dinge lassen sich direkt beobachten, nicht alle Aussagen sind mit den tatsächlichen Handlungen konkordant. Wenn Beobachtungen mit vermehrten Nachfragen in unterschiedlichen Situationen und bei unterschiedlichen Personen kombiniert und gegenseitig korrigiert werden, lässt sich ein hoher Grad an Validität und Objektivität erreichen. Zum anzuwendenden Methodeninventar gehört schließlich ein in die Übergaben eingebettetes Gruppeninterview, welches ggf. zur kurzen Gruppendiskussion ausgeweitet werden kann. In Gruppengesprächen kommt erfahrungsgemäß eine Fülle von Lösungsvorschlägen zutage, zuweilen auch Berichte über umgesetzte, teilweise oder gänzlich gescheiterte Lösungsversuche. Es wird auch über Hindernisse berichtet, wobei erstaunlich viele strukturelle Faktoren und weniger die Unfähigkeit Einzelner zur Sprache kommen.
Die Beobachtung erfolgt zunächst betont deskriptiv: Welche Abteilung, welcher Bereich, welche Arbeitsplätze? Wieviel Personal ist anwesend? Welche Funktionen bzw. Aufgaben haben die anwesenden Personen (Stammpersonal, Hilfspersonal, Leihkräfte, Praktikum, Ausbildung usw.)? Zu welchen Zeiten kommen und gehen bestimmten Personen? Gibt es Besonderheiten, auf die schon in der Übergabe hingewiesen wird? Beobachtungen und erfragte Informationen müssen stichwortartig, doch inhaltlich möglichst vollständig protokolliert werden (DIN-A4-Block auf Klemmbrett). Die der Übergabe folgenden Durchgänge und Arbeitsschritte sind zeitmäßig und hinsichtlich der körperlichen, mentalen und psychischen Beanspruchung möglich genau festzuhalten, wobei die Beobachtungen durch zusätzlich erfragte Erläuterungen und Selbstbewertungen der Arbeitenden zu ergänzen sind.
Es ist oftmals interessant zu sehen, dass stark belastende Momente von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie ihnen nach z.T. jahrelanger Übung als „normal“ vorkommen, wohingegen bestimmte Momente, die dem industrieerfahrenen Beobachter als „normal“ erscheinen, von den im Krankenhaus Arbeitenden als „schwierig“, „unmöglich“ oder „eigentlich unzumutbar“ bewertet werden. Die der Deskription folgenden Belastungswertungen der Betroffenen werden sequentiell protokolliert. Die der Beobachtung folgende Auswertung muss das gesamte Material sichten, ordnen und zu einem gutachterlichen Bericht (bzw. zu einem arbeitswissenschaftlichen Gutachten) zusammenfassen. Die Auswertung bzw. der gutachterliche Bericht enthält eine fokussierte Deskription, eine reflektierende Interpretation, darin eingebettet den wissenschaftlichen Erkenntnisstand, und schließlich die priorisierten Vorschläge für die abzuleitenden Maßnahmen.
Hierbei können folgende Stichpunkte hilfreich sein:
Das arbeitswissenschaftliche Partizipationspostulat (BAuA 2013) sollte bereits in der Beobachtungs und Untersuchungsphase ernst genommen werden. Dies bedeutet, beobachtete Phänomene und ansatzweise auch deren arbeitswissenschaftliche Deutung im Laufe des mehrtägigen Beobachtungsprozesses an die Beschäftigen rückzumelden und ihre Einschätzung dazu einzuholen – ein in der sozialwissenschaftlichen Literatur als „kommunikative Validierung“ bezeichneter Arbeitsschritt (Flick 1995, S. 245f.).
Abschließende Bemerkungen
Die teilnehmende Beobachtung ist - wie jede andere Methode auch – nicht vor Fehlern gefeit. Die richtige Balance zwischen Empathie und Distanz zu halten, ist mitunter nicht leicht.
Arbeitspersonen, deren Stressbelastungen im Fokus des Interesses stehen, neigen dazu, arbeitswissenschaftliche Untersucher/innen in ihr Feld „hineinzuziehen“ und sie mit ihren Belastungsgefühlen zu überschwemmen. Hier ist eine freundliche, aber bestimmte Distanzierung vonnöten (Flick, S. 162f.). Insbesondere ist es wichtig, als wissenschaftliche/r Beobachter/in auf die eigenen Ressourcen zu achten und tatsächlich achtsam mit ihnen umzugehen. Eine weitere Problematik stellt die Beeinflussung durch Feldteilnehmer/innen, die – wenn der/die Beobachter/in ihre Souveränität verliert – bis zur Instrumentalisierung gehen kann. Führungskräfte können sehr hilfreiche Informanten zum Belastungsspektrum sein, können aber auch mit konkret personenbezogenen Informationen den/die Arbeitswissenschaftler/in zu beeinflussen versuchen. Insofern empfiehlt es sich, zwischen Beobachtung und Gutachtenerstellung eine supervisorische Zwischenphase einzuschieben. Arbeitsanalysen sollen Konsequenzen haben. Im weiteren Verlauf bieten sich themenorientierte „Werkstattzirkel“ an, in denen beispielsweise Personalbesetzungsfragen, neue Arbeitszeitmodelle oder die Nutzung der betrieblichen EDV-Systeme diskutiert und die darauf folgenden betrieblichen Prozesse begleitet werden könnten.
Literatur
BAuA – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hg.) (2013): Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Berlin: Erich Schmidt.
Flick, U. (1995): Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.
Rosenthal, G. (2014): Interpretative Sozialforschung. 4. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa.
Sprenger, A. (1989): Teilnehmende Beobachtung in prekären Handlungssituationen. Das Beispiel Intensivstation. In: Aster, R. et al. (Hg.): Teilnehmende Beobachtung. Frankfurt am Main, Campus, S. 35–56.
Strohm, O./Ulich, E. (Hg.) (1997): Unternehmen arbeitspsychologisch bewerten. Ein Mehr-Ebenen-Ansatz unter besonderer Berücksichtigung von Mensch, Technik, Organisation. Zürich:
vdf Hochschulverlag.
Vogd, W. (2009): Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methodologie und theoretische Integration. Opdaden und Farmington Hills: Barbara Budrich.
| Der Autor |
| Dr. Wolfgang Hien ist Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler, Leiter des Forschungsbüros für Arbeit, Gesundheit und Biographie, Bremen und Lehrbeauftragter für Public Health an der Universität Bremen. kontakt@wolfgang-hien.de |
Weiterlesen?
Sind Sie noch nicht Newsletter-Abonnent, so können Sie sich hier für unseren kostenfreien Newsletter ARBEITSSCHUTZuptodate registrieren – und erhalten vollen Zugriff auf diesen Beitrag.
Als registrierter Nutzer von ARBEITSSCHUTZdigital.de haben Sie nach Eingabe Ihrer Nutzerdaten vollen Zugriff auf diesen Beitrag und alle Inhalte von ARBEITSSCHUTZdigital.de.
Um Ihnen ein optimales Webseitenerlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Mit dem Klick auf „Alle akzeptieren“ stimmen Sie der Verwendung von allen Cookies zu. Für detaillierte Informationen über die Nutzung und Verwaltung von Cookies klicken Sie bitte auf „Anpassen“. Mit dem Klick auf „Cookies ablehnen“ untersagen Sie die Verwendung von zustimmungspflichtigen Cookies. Sie haben die Möglichkeit, Ihre Einstellungen jederzeit individuell anzupassen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
