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Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung  
16.12.2015

Teilnehmende Beobachtung – eine gute Methode zur Feinanalyse psychischer Belastungen

Wolfgang Hien
Methode zur Feinanalyse (Foto: Butch - Fotolia)
Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen brauchen auch eine Methode, die in der Lage ist, das Ungeplante und Chaotische in Arbeitssituationen zu untersuchen. Eine solche Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Sie kann als arbeitsanalytische Methode verstanden werden, die den in schriftlichen Befragungen gewonnenen groben Tatbeständen feinanalytisch nachgeht.

Standardisierte Befragungen erfassen die betriebliche Wirklichkeit immer nur durch die Brille vorgegebener Kategorien und vorgegebene Schemata. Derartige Methoden sind zwar oftmals reliabel, doch meist wenig valide, d.h. sie sind zuweilen recht präzise, erfassen aber nur einen Teil der Wirklichkeit. Sie erfassen nicht das Ungeplante, Chaotische und Paradoxe der Wirklichkeit. Doch gerade diese Aspekte gehören in sich schnell verändernden und sich permanent restrukturierenden Arbeitsbereichen inzwischen zur Normalität. Und sie sind es, die zu Situationen führen, in denen sich psychische Belastungen nicht selten zu zeitweilig extremen Spitzenbelastungen anhäufen. In der Dienstleistungsarbeit sind Arbeitspersonen immer wieder mit Situationen konfrontiert, die an innere Zerreißproben grenzen, insbesondere dann, wenn berufsethische Fragen involviert sind. 

Methodologie

Die hier beschriebene arbeitswissenschaftliche Beobachtungsmethode orientiert sich an den einschlägigen methodologischen und methodischen Standards der offenen teilnehmenden Beobachtung und der offenen Beobachtungsinterviews (Strohm/Ulich 1997; Vogd 2009; Rosenthal 2014). Konkret bezogen auf die Arbeitswelt und die Gefährdungen der physischen und psychischen Gesundheit heißt dies: Es geht um eine Feinanalyse, die in der Lage ist, etwas über die Arbeitsbelastungen, denen die Menschen in dem konkreten Feld unterworfen sind, „hautnah“ herauszufinden, insbesondere hinsichtlich der Frage, wie die Arbeitspersonen diese Belastungen erleben, wie sie sie bewältigen oder auch nicht bewältigen, wie sie mit Situationen fertig werden, die sie fordern und auch überfordern und wie sie über Lösungsmöglichkeiten oder Auswege denken. Für die arbeitswissenschaftlichen Untersucher/innen bedeutet dies, sich mit Empathie in das Feld zu begeben, gleichwohl aber die nötige professionelle Distanz zu wahren. Teilnehmen heißt hier nicht unbedingt, sich wochen- oder monatelang selbst als Arbeiter/in zu verdingen, wie das in ausgedehnten ethnologisch orientierten Studien durchaus Sinn machen kann, sondern sich einige Tage im Feld zu bewegen und mit den Arbeitspersonen gleichsam „mitzubewegen“. Die Methode erfordert Einfühlungsvermögen, zugleich aber auch große methodische Genauigkeit. Dies betrifft vor allem die sequentielle Protokollierung der Beobachtungen und die sequentielle Auswertung der Beobachtungsprotokolle (Rosenthal 2014, S. 106–119). Teilnehmende Beobachtung muss auf Kriterien fokussiert werden, die es erlauben, die Fülle der Beobachtungen und Empfindungen zu ordnen, zu konzentrieren und zu bewerten (Vogd 2009). Die thematische Fokussierung hat sich daher an den allgemein anerkannten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit und den entsprechenden Kriterien zu orientieren (Strohm/Ulich 1997; BAuA 2013).

Bei Arbeitsanalysen geht es nicht um die Analyse der Person, sondern um die Analyse der Arbeitsbedingungen. Dies bedeutet: Die Arbeitsanalyse setzt eine gemäß Ausbildung, Qualifikation, Erfahrung und Resilienz beschäftigungsfähige Person voraus, welche im Kollektiv – d.h. epidemiologisch belegt – betrachtet, bei erhöhten Belastungen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko trägt.
Gleichwohl ist zu betonen, dass es bei der Analyse psychischer Belastungen nicht darum geht, „Belastungen an sich“ in Frage zu stellen. Belastungen sind aber genau dann gesundheitsgefährdend, wenn sie ein bestimmtes Maß - d.h. das Maß einer guten Bewältigbarkeit - überschreiten und/oder die verfügbaren organisationalen, sozialen und personalen Ressourcen aufbrauchen oder außer Kraft setzen. Eine arbeitswissenschaftliche Belastungsanalyse muss daher die Arbeitsaufgaben und die Anforderungsprofile beschreiben und die hinsichtlich der oben genannten arbeitswissenschaftlichen Kriterien die Beobachtungen bewerten.

Konkrete Vorgehensweise

Zunächst muss der Auftrag klar formuliert sein, d.h. die Methode der fokussierten teilnehmenden Beobachtung muss explizit benannt werden.
Für einen Arbeitsbereich mit – Früh-, Spät- und Nachtschicht insgesamt umfassenden – ca. 10 bis 20 Arbeitspersonen sind 4–5 Beobachtungstage und noch einmal so viele Tage für Vorbereitungs-
und Auswertungsarbeiten einzuplanen. Eine entsprechende Vereinbarung, einschließlich des Stunden- oder Tagessatzes, muss zumindest per Mailkontakt dokumentiert sein. In der Regel kommt der Auftrag, oftmals aufgrund eines Einigungsstellenbeschlusses, von der Personalleitung.

Es ist darauf zu achten, dass der Betriebsrat vollständig eingebunden ist. Unabdingbar ist die Zusicherung aller Beteiligten, dass der/die Arbeitswissenschaftler/in freien Zugang zu allen Arbeitsorten und möglichst allen Arbeitssituationen hat. Der/die Arbeitswissenschaftler/in muss sich auf das zu beobachtende Feld angemessen vorbereiten. Dies bedeutet, sich aus der Fachliteratur mit den wichtigsten Arbeitsschritten und deren Benennungen verstehend vertraut zu machen. Zur Vorbereitung gehört auch, sich einen genauen Überblick über die Abteilung bzw. den zu untersuchenden Bereich hinsichtlich Personal Soll, Personal Ist, Schichtbesetzung an den vorgesehenen Untersuchungstagen sowie allen schon im Arbeitsbereich zuvor gemachten Befragungen, Aktionen usw. kundig zu machen bzw. die dazu vorhandenen Unterlagen zu studieren. In den zu untersuchenden Abteilungen müssen die Arbeitspersonen auf das Kommen der arbeitswissenschaftlichen Untersuchungsperson vorbereitet und eingestellt, d.h. prinzipiell „informiert einverstanden“ sein. Die Beobachtung ist keine verdeckte, sondern eine offene und für alle transparente. Zu betonen ist: Beobachtung und Interviewaussagen bleiben hinsichtlich der konkreten Person anonym.

Für die hier in Rede stehende Problemstellung bedeutet Teilnahme, dass der/die Arbeitswissenschaftler/in sich im Feld frei bewegen, sich von Fall zu Fall an bestimmte Arbeitspersonen „anheften“ und bei anliegenden Arbeitsschritten interessiert anwesend und zuweilen auch helfend („Bett schieben“) eingreifen kann. Der/die Arbeitswissenschaftler/in bewegt sich im Feld mit einer angepassten Arbeitskleidung, z.B. grauer oder weißer Kittel, und den erforderlichen persönlichen Schutzausrüstungen. Es ist wichtig, in allen Schichten – z.B. Früh-, Spät-  und Nachtschicht – „mitzulaufen“ und alle Übergaben vollständig „mitzubekommen“.

Die Beobachtungen müssen mit situativen Beobachtungsinterviews verknüpft werden. Diese Verknüpfung ist aus mehreren Gründen unverzichtbar: Zum einen erhellen sich bestimmte Beobachtungen erst durch eine Erläuterung des/der Beobachteten – allein schon wegen des fachlichen Laienstatus’ des/der Beobachtenden. Zum anderen gilt: Nicht alle relevanten Dinge lassen sich direkt beobachten, nicht alle Aussagen sind mit den tatsächlichen Handlungen konkordant. Wenn Beobachtungen mit vermehrten Nachfragen in unterschiedlichen Situationen und bei unterschiedlichen Personen kombiniert und gegenseitig korrigiert werden, lässt sich ein hoher Grad an Validität und Objektivität erreichen. Zum anzuwendenden Methodeninventar gehört schließlich ein in die Übergaben eingebettetes Gruppeninterview, welches ggf. zur kurzen Gruppendiskussion ausgeweitet werden kann. In Gruppengesprächen kommt erfahrungsgemäß eine Fülle von Lösungsvorschlägen zutage, zuweilen auch Berichte über umgesetzte, teilweise oder gänzlich gescheiterte Lösungsversuche. Es wird auch über Hindernisse berichtet, wobei erstaunlich viele strukturelle Faktoren und weniger die Unfähigkeit Einzelner zur Sprache kommen.

Die Beobachtung erfolgt zunächst betont deskriptiv: Welche Abteilung, welcher Bereich, welche Arbeitsplätze? Wieviel Personal ist anwesend? Welche Funktionen bzw. Aufgaben haben die anwesenden Personen (Stammpersonal, Hilfspersonal, Leihkräfte, Praktikum, Ausbildung usw.)? Zu welchen Zeiten kommen und gehen bestimmten Personen? Gibt es Besonderheiten, auf die schon in der Übergabe hingewiesen wird? Beobachtungen und erfragte Informationen müssen stichwortartig, doch inhaltlich möglichst vollständig protokolliert werden (DIN-A4-Block auf Klemmbrett). Die der Übergabe folgenden Durchgänge und Arbeitsschritte sind zeitmäßig und hinsichtlich der körperlichen, mentalen und psychischen Beanspruchung möglich genau festzuhalten, wobei die Beobachtungen durch zusätzlich erfragte Erläuterungen und Selbstbewertungen der Arbeitenden zu ergänzen sind.

Es ist oftmals interessant zu sehen, dass stark belastende Momente von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie ihnen nach z.T. jahrelanger Übung als „normal“ vorkommen, wohingegen bestimmte Momente, die dem industrieerfahrenen Beobachter als „normal“ erscheinen, von den im Krankenhaus Arbeitenden als „schwierig“, „unmöglich“ oder „eigentlich unzumutbar“ bewertet werden. Die der Deskription folgenden Belastungswertungen der Betroffenen werden sequentiell protokolliert. Die der Beobachtung folgende Auswertung muss das gesamte Material sichten, ordnen und zu einem gutachterlichen Bericht (bzw. zu einem arbeitswissenschaftlichen Gutachten) zusammenfassen. Die Auswertung bzw. der gutachterliche Bericht enthält eine fokussierte Deskription, eine reflektierende Interpretation, darin eingebettet den wissenschaftlichen Erkenntnisstand, und schließlich die priorisierten Vorschläge für die abzuleitenden Maßnahmen.

Hierbei können folgende Stichpunkte hilfreich sein:

  • Beschreibung des Arbeitsbereichs, der Arbeitsaufgaben, evtl. auch der beobachteten Besonderheiten, anonymisierte Aufzählung der darin arbeitenden Personen und der darin zu leistenden Aufgaben sowie der jeweiligen Zeitanteile.
  • Beschreibung der Belastungssituationen und Belastungsspitzen, wobei zunächst die beobachteten, sodann die von den Betroffenen artikulierten und schließlich die arbeitswissenschaftlich interpretierten Belastungen thematisiert werden.
  • Einbettung des Standes der arbeitswissenschaftlichen (insbes. epidemiologischen) Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Belastungen und Erkrankungen, ggf. Erstellung eines besonderen Exkurses hierzu im Gutachten.
  • Beschreibung der bereits in der Station bzw. Abteilung vorhandenen Lösungsansätze oder Lösungsideen, Herausarbeiten der arbeitswissenschaftlich prinzipiell erforderlichen Maßnahmen und Priorisierung dieser Maßnahmen.

Das arbeitswissenschaftliche Partizipationspostulat (BAuA 2013) sollte bereits in der Beobachtungs und Untersuchungsphase ernst genommen werden. Dies bedeutet, beobachtete Phänomene und ansatzweise auch deren arbeitswissenschaftliche Deutung im Laufe des mehrtägigen Beobachtungsprozesses an die Beschäftigen rückzumelden und ihre Einschätzung dazu einzuholen – ein in der sozialwissenschaftlichen Literatur als „kommunikative Validierung“ bezeichneter Arbeitsschritt (Flick 1995, S. 245f.).

Abschließende Bemerkungen

Die teilnehmende Beobachtung ist - wie jede andere Methode auch – nicht vor Fehlern gefeit. Die richtige Balance zwischen Empathie und Distanz zu halten, ist mitunter nicht leicht.
Arbeitspersonen, deren Stressbelastungen im Fokus des Interesses stehen, neigen dazu, arbeitswissenschaftliche Untersucher/innen in ihr Feld „hineinzuziehen“ und sie mit ihren Belastungsgefühlen zu überschwemmen. Hier ist eine freundliche, aber bestimmte Distanzierung vonnöten (Flick, S. 162f.). Insbesondere ist es wichtig, als wissenschaftliche/r Beobachter/in auf die eigenen Ressourcen zu achten und tatsächlich achtsam mit ihnen umzugehen. Eine weitere Problematik stellt die Beeinflussung durch Feldteilnehmer/innen, die – wenn der/die Beobachter/in ihre Souveränität verliert – bis zur Instrumentalisierung gehen kann. Führungskräfte können sehr hilfreiche Informanten zum Belastungsspektrum sein, können aber auch mit konkret personenbezogenen Informationen den/die Arbeitswissenschaftler/in zu beeinflussen versuchen. Insofern empfiehlt es sich, zwischen Beobachtung und Gutachtenerstellung eine supervisorische Zwischenphase einzuschieben. Arbeitsanalysen sollen Konsequenzen haben. Im weiteren Verlauf bieten sich themenorientierte „Werkstattzirkel“ an, in denen beispielsweise Personalbesetzungsfragen, neue Arbeitszeitmodelle oder die Nutzung der betrieblichen EDV-Systeme diskutiert und die darauf folgenden betrieblichen Prozesse begleitet werden könnten.

Literatur
BAuA – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hg.) (2013): Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Berlin: Erich Schmidt.

Flick, U. (1995): Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.

Rosenthal, G. (2014): Interpretative Sozialforschung. 4. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa.

Sprenger, A. (1989): Teilnehmende Beobachtung in prekären Handlungssituationen. Das Beispiel Intensivstation. In: Aster, R. et al. (Hg.): Teilnehmende Beobachtung. Frankfurt am Main, Campus,  S. 35–56.

Strohm, O./Ulich, E. (Hg.) (1997): Unternehmen arbeitspsychologisch bewerten. Ein Mehr-Ebenen-Ansatz unter besonderer Berücksichtigung von Mensch, Technik, Organisation. Zürich:
vdf Hochschulverlag.

Vogd, W. (2009): Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methodologie und theoretische Integration. Opdaden und Farmington Hills: Barbara Budrich.

Der Autor
Dr. Wolfgang Hien ist Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler, Leiter des Forschungsbüros für Arbeit, Gesundheit und Biographie, Bremen und Lehrbeauftragter für Public Health an der
Universität Bremen. kontakt@wolfgang-hien.de

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