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Im Gespräch mit Ronny Senft, Gründer und Geschäftsführer der Prevention Tech Hub GmbH  
14.09.2026

KI trifft Arbeitsschutz: Ein Upgrade für die moderne Gefährdungsbeurteilung

ESV-Redaktion Betriebssicherheit
Betriebe müssen verstehen, dass KI ein Werkzeug ist, das mit den richtigen Informationen gefüttert werden muss. (Foto: Ronny Senft)
KI hält zunehmend Einzug in die Gefährdungsbeurteilung und verspricht schnellere Analysen, präzisere Vorschläge und entlastete Fachkräfte. Doch je digitaler die Werkzeuge, desto wichtiger bleibt der menschliche Blick für den betrieblichen Kontext. Ronny Senft beleuchtet, wie KI und Fachwissen zusammenwirken, welche Chancen sich für Prävention und Sicherheit ergeben und warum der Arbeitsschutz der Zukunft weder rein digital noch rein analog funktionieren wird.

Herr Senft, welche Rolle kann künstliche Intelligenz bei der modernen Gefährdungsbeurteilung spielen, und wo sehen Sie die größten Potenziale?

KI fungiert hier als leistungsstarker „Co-Pilot“. Sie übernimmt die Fleißarbeit, also das Durchforsten von Datenbanken und Vorschriften, und liefert präzise Vorschläge. KI kann jedoch nur das verarbeiten, was ihr als Datensatz serviert wird. Die Sifa bringt hingegen den entscheidenden Blick für das Gesamtsystem mit. Das größte Potenzial liegt in dieser Symbiose: Die KI liefert die Faktenbasis und die Fachkraft ordnet diese in den komplexen betrieblichen Gesamtkontext ein.

Wie verändert sich die klassische Aufgabe der Sifa, wenn KI-basierte Tools stärker eingesetzt werden?

Das Berufsbild erfährt eine Aufwertung. Die Fachkraft entwickelt sich vom „Listenführer“ zum strategischen System-Manager. Zwar kann KI Risiken in einem isolierten Datensatz erkennen, doch nur die Sifa sieht vor Ort, wie sich Arbeitsplätze gegenseitig beeinflussen oder wo die Realität vom digitalen Plan abweicht. Die Aufgabe verschiebt sich somit hin zur Identifikation: Welche Informationen sind überhaupt relevant? Und: Stimmt das digitale Bild mit der Situation in der Werkhalle überein?

Wie werden Daten für KI-Systeme im Arbeitsschutz generiert, validiert und aktualisiert, um verlässliche Entscheidungen zu ermöglichen?

Moderne Plattformen nutzen riesige, ständig aktualisierte Wissensdatenbanken. Doch Daten sind nur so gut wie ihre Relevanz für den spezifischen Arbeitsplatz. An dieser Stelle kommt die Sifa als „Qualitätsfilter“ ins Spiel: Sie entscheidet, welche Inputs die KI erhält. Die Validierung erfolgt im Zusammenspiel: Die Software liefert den Standard, der Experte prüft die Anwendbarkeit auf die individuelle Situation vor Ort.

Welche Rolle spielt der Mensch beim finalen Abgleich automatisierter Gefährdungsbeurteilungen?

Der Mensch behält die Souveränität und übernimmt den Realitätscheck. Eine KI kennt den „Soll-Zustand“ aus den Normen, aber nur die Sifa kennt den „Ist-Zustand“ inklusive aller Provisorien und menschlichen Faktoren. Dieser Abgleich „Passt der KI-Vorschlag zu unserer gelebten Praxis?“ ist rein maschinell nicht leistbar. Die Sifa schließt die Lücke zwischen theoretischem Standard und betrieblicher Wirklichkeit.

Wie verändert der Einsatz KI-basierter Systeme die Zusammenarbeit zwischen Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsarzt und Führungskräften?

Die Zusammenarbeit wird fokussierter. Da KI-Tools objektive Basisdaten liefern, müssen sich die Expertinnen und Experten nicht mehr über Grenzwerte streiten. Stattdessen können sie gemeinsam das Gesamtsystem überblicken: Wie wirken technische, organisatorische und menschliche Faktoren zusammen? Die KI liefert die Puzzleteile, das Team aus Sifa, Arzt und Führungskraft setzt das Bild zusammen.

Welche Kompetenzen benötigen Betriebe künftig, um KI sinnvoll in den Arbeitsschutz zu integrieren?

Es geht vor allem um Kontextkompetenz. Betriebe müssen verstehen, dass KI nur ein Werkzeug ist, das mit den richtigen Informationen „gefüttert“ werden muss. Die wichtigste Fähigkeit der Zukunft besteht darin, zu erkennen, wo der digitale Standard endet und wo die individuelle Anpassung beginnt.

Wie kann gewährleistet werden, dass KI-Modelle transparent und nachvollziehbar bleiben?

Durch „Explainable AI“ (erklärbare KI) und den menschlichen Sachverstand. Die KI zeigt die Quellen auf, die Sifa prüft die Plausibilität im Kontext des Gesamtsystems. So wird aus einem „Black-Box-Ergebnis“ eine nachvollziehbare Entscheidung, die auf den spezifischen Betrieb zugeschnitten ist.

Wer trägt die Verantwortung, wenn eine KI fehlerhafte oder lückenhafte Bewertungen erstellt?

Die Verantwortung bleibt beim Arbeitgeber und der Sifa – und das ist richtig so. Denn nur der Mensch vor Ort kann beurteilen, ob eine Bewertung lückenhaft ist, weil er Dinge sieht (z. B. räumliche Enge, Lichtverhältnisse, Verhalten), die in den Daten der KI gar nicht vorkommen. Die KI ist der Assistent, der Mensch der verantwortliche Entscheider.

Wie gehen Unternehmen mit dem Risiko um, dass KI blinde Flecken aufweist?

Indem sie sich auf die einzigartige Wahrnehmung der Sifa verlassen. KI hat dort blinde Flecken, wo keine Daten existieren. Der Mensch hingegen kann improvisieren und intuitiv erfassen, was „komisch“ aussieht. Die Arbeitsteilung ist klar: KI überwacht das Bekannte und Messbare, die Sifa achtet auf das Unvorhergesehene und das Neue.

Welche Anforderungen sollten Aufsichtsbehörden an KI-gestützte Schutzmaßnahmen stellen?

Sie sollten fordern, dass KI nie als „Alleinunterhalter“ eingesetzt wird, sondern stets in einen betreuten Prozess eingebunden ist. Ein Mindeststandard muss sein, dass qualifiziertes Personal die Ergebnisse der KI auf die spezifische Situation vor Ort überträgt und validiert.

Wie lassen sich datenschutzrechtliche Anforderungen einhalten?

Durch professionelle Tools, die Daten abstrahieren. Der Fokus liegt auf der Sicherheit des Systems Arbeitsplatz, nicht auf der Überwachung des Individuums. Da die Sifa ohnehin den systemischen Blick hat, hilft die KI dabei, strukturelle Probleme zu erkennen, ohne in die Privatsphäre einzugreifen.

Besteht die Gefahr, dass KI den Arbeitsschutz standardisiert und damit individuelle Betrachtungen vernachlässigt?

Nein, denn die KI schafft erst die Zeit für Individualität. Sie erledigt den Standard. Doch nur die Sifa erkennt, wie sich die Situation vor Ort vom Standard unterscheidet. Ohne diesen menschlichen Blick für Abweichungen wäre der Arbeitsschutz unvollständig. Die KI liefert die Basis, die Sifa die Maßarbeit.

Wie kann verhindert werden, dass Unternehmen KI als „Komplettlösung“ missverstehen?

Durch Aufklärung darüber, dass KI kontextblind ist. Sie weiß beispielsweise nicht, ob eine Maschine heute anders steht als gestern, wenn diese Information nicht in den Daten enthalten ist. Unternehmen begreifen schnell, dass die KI zwar das „Was“ (die Gefahr) aus der Datenbank kennt, aber nur die Sifa und die Führungskräfte das „Wie“ (die Lösung im Betrieb) im Gesamtzusammenhang gestalten können.

Welche Grenzen sehen Sie aktuell? Was kann KI im Arbeitsschutz nicht?

KI kann nicht „sehen“ im menschlichen Sinne. Ihr fehlen die Sinne für die Atmosphäre, die nonverbale Kommunikation und der Blick für das Unscheinbare, das nicht in Daten erfasst ist. Das Verständnis für das komplexe Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Umgebung – also das wahre Gesamtsystem – bleibt auf absehbare Zeit die unersetzliche Kernkompetenz der Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Herr Senft, vielen Dank für das Gespräch!

Über Ronny Senft
Ronny Senft ist Gründer und Geschäftsführer der Prevention Tech Hub GmbH, die mit Plattformen wie arbeitsschutz24.de und praeventionskiosk.de innovative, digitale Lösungen für Prävention und Arbeitssicherheit entwickelt. Zuvor verantwortete er bei der ias‑Gruppe über mehrere Jahre das Portfolio‑ und Innovationsmanagement sowie das Produktmanagement im Bereich Arbeitssicherheit. Seine Karriere begann er bei TÜV SÜD Life Service, wo er zunächst als Sicherheitsingenieur und später als Leiter Produktmanagement tätig war.

Über PTH
Prevention Tech Hub entwickelt praxisnahe Lösungen, die Prävention, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz modern denken und im Arbeitsalltag greifbar machen. Für selbstständige Fachkräfte bietet die Plattform Zugang zu neuen Projekten, einem starken Netzwerk und digitalen Tools für effizientes Arbeiten. Unternehmen unterstützt der Präventions‑Kiosk dabei, Gesundheitsprävention für Mitarbeitende unkompliziert, niedrigschwellig und wirksam umzusetzen.


Das Interview erschien zuerst in unserer Fachzeitschrift:


Betriebliche Prävention

Redaktionsbeirat: Dr. Michael Au, Prof. Dr. Gudrun Faller, Prof. Dr.-Ing. Anke Kahl
Redaktion: Florian Gräfe

Programmbereich: Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit

Betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz in sich verändernden Berufswelten gestalten – die Betriebliche Prävention zeigt Ihnen, wie es geht: Angesehene Spezialisten berichten jeden Monat neu zu fachlichen und rechtlichen Entwicklungen aus Prävention, Organisation und Unfallversicherung. Erfahren Sie das Wichtigste zu den Aktivitäten maßgeblicher Institutionen, zu Veranstaltungen, Literatur und allen weiteren Ereignissen, die Ihr Berufsfeld so vielseitig machen.

Betriebliche Prävention und Organisation

Die „Betriebliche Prävention“ beleuchtet aus unterschiedlichen Branchen und Perspektiven u. a., wie Sie

  • Gefährdungen aller Arbeitsabläufe zuverlässig beurteilen, kommunizieren und dokumentieren,
  • Ergonomie von Arbeitsplätzen, -mitteln und -umgebungen organisieren, um Unfällen und Berufskrankheiten vorzubeugen,
  • Maßnahmen geeigneter Gesundheitsförderung von Mitarbeitern alters- und alternsgerecht entwickeln,
  • Mitarbeiter wiedereingliedern, die länger erkrankt waren u.v.m.

Unfallversicherung und Recht

  • Rechtliche Entwicklungen, von neuen Regelungen und Initiativen zu relevanter Rechtsprechung,
  • Versicherungs- und Haftungsfragen bei Arbeitsunfällen und berufsbedingten Erkrankungen.

Testen Sie die Betriebliche Prävention doch einmal kostenlos und unverbindlich!


Ergebnisse der ESENER-4-Befragung 15.07.2026
Digitale Technologien gewinnen für den Arbeitsschutz in Betrieben an Bedeutung
Nahezu alle Betriebe in Deutschland nutzen etablierte digitale Technologien wie PCs, Laptops oder Smartphones. Bereits jeder dritte Betrieb setzt digitale Tools gezielt zur Unterstützung im Arbeitsschutz ein. Dazu zählen beispielsweise Anwendungen für Gefährdungsbeurteilungen, Unterweisungen oder die Organisation von Arbeitsschutzmaßnahmen. Unterschiede zwischen kleinen, mittleren und großen Betrieben zeigen sich dabei kaum. mehr …
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